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„Es ist schon viele, viele Jahre her – als sich noch die goldenen Berge über den Wolken erhoben, als noch das Milchmeer über seine goldenen Ufer trat, als noch der goldene Kuckuck auf der alten Lärche rief……….“ (Russland)

Märchen

Auf dieser Seite wollen wir Ihnen in loser Folge Märchen vorstellen, die uns besonders gefallen oder uns aus verschiedenen Gründen beschäftigen. Wir beginnen mit zwei Märchen, die zu unserem Logo passen:

 

Der Fisch mit dem Ring

Es war einmal vor Zeiten ein mächtiger Baron im Nordland, der war ein großer Zauberer und wusste alles, was geschehen würde. Eines Tages nun, als sein kleiner Junge vier Jahre alt war, schaute er in das Buch der Geschicke, um zu sehen, was mit ihm geschehen würde. Und zu seiner Bestürzung fand er, dass sein Sohn ein Mädchen aus niederem Stande heiraten würde, das gerade in einem Haus im Schatten des Münsters von York geboren worden war. Der Baron wusste nun aber, dass der Vater des kleinen Mädchens sehr, sehr arm war und schon fünf Kinder hatte. Da ließ er sein Pferd bringen, ritt nach York und kam an dem Haus des Vaters vorbei. Er sah ihn traurig und bekümmert vor der Tür sitzen. Da stieg er ab, ging zu ihm hin und sagte: „Was ist Euch, guter Mann?“ Und der Mann sagte: „Ach, Euer Ehren, es ist so; ich habe schon fünf Kinder, und nun ist ein sechstes gekommen, ein kleines Mädchen, und wo ich das Brot herbekommen soll, um ihre Mäuler zu stopfen, das ist mehr, als ich sagen kann.“

„Lasst den Mut nicht sinken, guter Mann“, sagte der Baron. „Wenn das Euer Kummer ist, kann ich Euch helfen. Ich nehme das letzte Kleine zu mir, und Ihr müsst Euch darum keine Sorgen machen.“

„Dank Euch von Herzen, Herr“, sagte der Mann, und er ging hinein und brachte das Mädchen heraus, gab es dem Baron, und der stieg auf sein Pferd und ritt mit ihm fort. Und als er an das Ufer des Ouse-Flusses kam, warf er das kleine Ding in den Fluss und ritt fort zu seinem Schloss.

Aber das kleine Mädchen ging nicht unter, ihre Kleider hielten sie eine Zeit oben, und sie trieb dahin und trieb dahin, bis sie gerade vor der Hütte eines Fischers an Land geworfen wurde. Der Fischer fand sie da und hatte Mitleid mit dem armen kleinen Ding und nahm sie in sein Haus. Und da lebte sie, bis sie fünfzehn Jahre alt war und ein hübsches, feines Mädchen.

Eines Tages geschah es, dass der Baron mit einigen Gefährten an den Ufern des Ouse-Flusses jagen ging, und er hielt bei der Hütte des Fischers an, um etwas zu trinken zu bekommen, und das Mädchen kam heraus und gab es ihnen. Alle bemerkten ihre Schönheit, und einer von ihnen sagte zu dem Baron: „Baron, Ihr könnt die Geschicke erraten, was meint Ihr, wen wird sie heiraten?“

„Oh, das ist leicht zu erraten“, sagte der Baron, „irgend so einen Tölpel. Aber ich werde ihr das Horoskop stellen. Komm her, Mädchen, sag mir, an welchem Tag bist du geboren?“ „Ich weiß es nicht, Herr“, sagte das Mädchen, „ich bin gerade hier gefunden worden, als mich vor fünfzehn Jahren der Fluss hergebracht hat.“ Da wusste der Baron, wer sie war, und als sie aufbrachen, ritt er zurück und sagte zu dem Mädchen: „Höre, Mädchen, ich will dir zu deinem Glück verhelfen. Trage diesen Brief zu meinem Bruder in Scarborough, und es wird dir für’s Leben gut gehen.“

Und das Mädchen nahm den Brief und sagte, sie würde gehen. Was er in diesem Brief geschrieben hatte, war aber dies: „Lieber Bruder – nimm die Überbringerin und töte sie unverzüglich. Herzlich dein Humphrey.“ Kurz darauf brach also das Mädchen nach Scarborough auf, und über Nacht schlief sie in einer kleinen Herberge. Nun brach eben in dieser Nacht eine Räuberbande in den Gasthof ein, und sie durchsuchten das Mädchen. Das hatte kein Geld und nur den Brief. Da öffnenten sie den und lasen ihn und meinten, das wäre doch eine Schande. Der Räuberhauptmann nahm Feder und Papier und schrieb diesen Brief: „Lieber Bruder – nimm die Überbringerin und verheirate sie unverzüglich mit meinem Sohn.

Herzlich dein Humphrey.“ Und dann gab er ihn dem Mädchen und ließ sie gehen. So ging sie weiter zu dem Bruder des Barons nach Scarborough, der war ein edler Ritter, und der Sohn des Barons war gerade bei ihm. Als sie dem Bruder den Brief gab, befahl er, die Hochzeit sogleich auszurichten, und sie wurden noch am gleichen Tag verheiratet. Bald darauf kam der Baron selbst in das Schloss seines Bruders, und wie groß war seine Überraschung, als er sah, dass eben die Sache geschehen war, gegen die er seine Pläne gerichtet hatte. Aber er wollte sich nicht auf solche Art geschlagen geben, und er nahm das Mädchen mit auf einen Spaziergang, wie er sagte, entlang den Klippen.

Und als er mit ihr allein war, fasste er sie an den Armen und wollte sie hinabwerfen. Aber sie bat inständig um ihr Leben. „Ich habe nichts getan“, sagte sie, „und wenn Ihr mich nur verschonen wolltet, so tu ich, was immer Ihr auch wollt. Ich werde Euch oder Euren Sohn nie wiedersehen, bis Ihr es wünscht.“ Da zog der Baron seinen goldenen Ring ab und warf ihn ins Meer und sagte: „Lass mich niemals dein Gesicht wiedersehen, bis du mir diesen Ring vorzeigen kannst.“ Und dann ließ er sie gehen. Das arme Mädchen wanderte immer weiter, bis sie schließlich zum Schloss eines vornehmen Edelmannes kam, und da bat sie, man möge ihr doch irgendeine Arbeit geben. Und sie machten sie zum Spülmädchen im Schloss, denn sie war in der Fischerhütte an solche Arbeit gewöhnt gewesen.

Eines Tages nun, wen anderen sah sie da zum Haus des Edelmannes kommen als den Baron und seinen Bruder und seinen Sohn, ihren Ehemann! Sie wusste nicht was tun, aber sie dachte, sie würden sie in der Schlossküche nicht sehen. So ging sie mit einem Seufzer an ihre Arbeit zurück und begann einen mächtig großen Fisch sauber zu machen, der für das Mahl gekocht werden sollte. Und als sie ihn saubermachte, da sah sie innen drin etwas schimmern, und was meint ihr, was sie fand?

Nun, da war der Ring des Barons, eben der, den er über die Klippe bei Scarborough geworfen hatte. Sie war wirklich froh, ihn zu sehen, das könnt ihr glauben. Dann kochte sie den Fisch so fein sie konnte und richtete ihn her. Nun, als der Fisch auf den Tisch kam, schmeckte er den Gästen so gut, dass sie den Edelmann fragten, wer ihn gekocht habe. Er sagte, er wisse es nicht, aber er rief die Diener: „He, ihr da, schickt die Köchin, die diesen guten Fisch gekocht hat.“

Da gingen sie hinunter in die Küche und sagten dem Mädchen, sie werde im Saal gewünscht. Sie richtete sich her und steckte den goldenen Ring des Barons an ihren Daumen und ging hinauf in den Saal. Als die Festgäste solch eine junge und schöne Köchin sahen, waren sie überrascht. Aber der Baron geriet in höchsten Zorn und fuhr auf, als wolle er über sie herfallen. Da ging das Mädchen zu ihm hin und streckte ihm die Hand hin mit dem Ring darauf, und sie legte sie vor ihm auf den Tisch.

Da sah der Baron schließlich, dass niemand gegen das Geschick ankämpfen kann, und er führte sie zu einem Platz und gab der ganzen Gesellschaft bekannt, dass dies die rechte Frau seines Sohnes sei. Und er nahm sie und seinen Sohn mit sich nach Hause in sein Schloss, und sie lebten danach alle Zeit so glücklich, wie’s nur sein konnte.

MdW „Englische Volksmärchen“ E. Diederichs Vlg. 1983

 

Die weiße Schlange

Es ist nun schon lange her, da lebte ein König, dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war, als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, musste ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wusste selbst nicht, was darin lag, und kein Mensch wusste es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon, bis er ganz allein war.

Das hatte schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, der die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde, dass er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Als er die Tür sorgfältig verschlossen hatte, hob er den Deckel auf, und da sah er, dass eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stückchen davon ab und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge berührt, so hörte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen. Er ging hin und horchte, da merkte er, dass es die Sperlinge waren, die miteinander sprachen und sich allerlei erzählten, was sie im Felde und Walde gesehen hatten. Der Genuss der Schlange hatte ihm die Fähigkeit verliehen, die Sprache der Tiere zu verstehen. Nun trug es sich zu, dass gerade an diesem Tage der Königin ihr schönster Ring fortkam und auf den vertrauten Diener, der überall Zugang hatte, der Verdacht fiel, er habe ihn gestohlen.

Der König ließ ihn vor sich kommen und drohte ihm unter heftigen Scheltworten, wenn er bis morgen den Täter nicht zu nennen wüsste, so sollte er dafür angesehen und gerichtet werden. Es half nichts, dass er seine Unschuld beteuerte, er ward mit keinem besseren Bescheid entlassen. In seiner Unruhe und Angst ging er hinab auf den Hof und bedachte, wie er sich aus seiner Not helfen könne.

Da saßen die Enten an einem fließenden Wasser friedlich nebeneinander und ruhten, sie putzten sich mit ihren Schnäbeln glatt und hielten ein vertrauliches Gespräch. Der Diener blieb stehen und hörte ihnen zu. Sie erzählten sich, wo sie heute morgen all herumgewackelt wären, und was für ein gutes Futter sie gefunden hätten, da sagte eine verdrießlich: "Mir liegt etwas schwer im Magen, ich habe einen Ring, der unter der Königin Fenster lag, in der Hast mit hinuntergeschluckt." Da packte sie der Diener gleich beim Kragen, trug sie in die Küche und sprach zum Koch: "Schlachte doch diese ab, sie ist wohl genährt."

"Ja", sagte der Koch und wog sie in der Hand, "die hat keine Mühe gescheut, sich zu mästen, und schon lange darauf gewartet, gebraten zu werden." Er schnitt ihr den Hals ab, und als sie ausgenommen ward, fand sich der Ring der Königin in ihrem Magen. Der Diener konnte nun leicht vor dem Könige seine Unschuld beweisen, und da dieser sein Unrecht wieder gutmachen wollte, erlaubte er ihm, sich eine Gnade auszubitten, und versprach ihm die größte Ehrenstelle, die er sich an seinem Hofe wünschte. Der Diener schlug alles aus und bat nur um ein Pferd und Reisegeld, denn er hatte Lust die Welt zu sehen und eine Weile darin herumzuziehen.

Als seine Bitte erfüllt war, machte er sich auf den Weg und kam eines Tags an einem Teich vorbei, wo er drei Fische bemerkte, die sich im Rohr gefangen hatten und nach Wasser schnappten. Obgleich man sagt, die Fische wären stumm, so vernahm er doch ihre Klage, dass sie so elend umkommen müssten. Weil er ein mitleidiges Herz hatte, so stieg er vom Pferde ab und setzte die drei Gefangenen wieder ins Wasser. Sie zappelten vor Freude, streckten die Köpfe heraus und riefen ihm zu: "Wir wollen es dir gedenken und es dir vergelten, dass du uns errettet hast."

Er ritt weiter, und nach einem Weilchen kam es ihm vor, als hörte er zu seinen Füßen in dem Sand eine Stimme. Er horchte und vernahm, wie ein Ameisenkönig klagte: "Wenn uns nur die Menschen mit den ungeschickten Tieren vom Leib blieben! Da tritt mir das dumme Pferd mit seinen schweren Hufen meine Leute ohne Barmherzigkeit nieder." Er lenkte auf einen Seitenweg ein, und der Ameisenkönig rief ihm zu: "Wir wollen es dir gedenken und es dir vergelten."

Der Weg führte ihn in einen Wald, und da sah er einen Rabenvater und eine Rabenmutter, die standen bei ihrem Nest und warfen ihre Jungen heraus. "Fort mit euch, ihr Galgenschwengel", riefen sie, "wir können euch nicht mehr satt machen, ihr seid groß genug, und könnt euch selbst ernähren." Die armen Jungen lagen auf der Erde, flatterten und schlugen mit ihren Fittichen und schrie: "Wir hilflosen Kinder, wir sollen uns selbst ernähren und können noch nicht fliegen was bleibt uns übrig, als hier Hungers zu sterben" Da stieg der gute Jüngling ab, tötete das Pferd mit seinem Degen und überließ es den jungen Raben zum Futter. Die kamen herbeigehüpft, sättigten sich und riefen: "Wir wollen es dir gedenken und es dir vergelten."

Er musste jetzt seine eigenen Beine gebrauchen, und als er lange Wege gegangen war, kam er in eine große Stadt. Da war großer Lärm und Gedränge in den Strassen, und kam einer zu Pferde und machte bekannt, die Königstochter suche einen Gemahl, wer sich aber um sie bewerben wolle, der müsse eine schwere Aufgabe vollbringen, und könne er es nicht glücklich ausfahren, so habe er sein Leben verwirkt. Viele hatten es schon versucht, aber vergeblich ihr Leben daran gesetzt. Der Jüngling, als er die Königstochter sah, ward er von ihrer großen Schönheit so verblendet, dass er alle Gefahr vergaß, vor den König trat und sich als Freier meldete.

Alsbald ward er hinaus ans Meer geführt und vor seinen Augen ein goldener Ring hineingeworfen. Dann hieß ihn der König diesen Ring aus dem Meeresgrund wieder hervorzuholen, und fügte hinzu: "Wenn du ohne ihn wieder in die Höhe kommst, so wirst du immer aufs neue hinabgestürzt, bis du in den Wellen umkommst." Alle bedauerten den schönen Jüngling und ließen ihn dann einsam am Meere zurück.

Er stand am Ufer und überlegte, was er wohl tun sollte, da sah er auf einmal drei Fische daherschwimmen, und es waren keine andere als jene, welchen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu den Füßen des Jünglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und öffnete, so lag der Goldring darin. Voll Freude brachte er ihn dem Könige und erwartete, dass er ihm den verheißenen Lohn gewähren würde. Die stolze Königstochter aber, als sie vernahm, dass er ihr nicht ebenbürtig war, verschmähte ihn und verlangte, er sollte zuvor eine zweite Aufgabe lösen.

Sie ging hinab in den Garten und streute selbst zehn Säcke voll Hirsen ins Gras. "Die muss er morgen, ehe die Sonne hervorkommt, aufgelesen haben", sprach sie, "und darf kein Körnchen fehlen." Der Jüngling setzte sich in den Garten und dachte nach, wie es möglich wäre, die Aufgabe zu lösen, aber er konnte nichts ersinnen, saß da ganz traurig und erwartete, bei Anbruch des Morgens zum Tode geführt zu werden. Als aber die ersten Sonnenstrahlen in den Garten fielen, so sah er die zehn Säcke alle wohl gefüllt nebeneinander stehen, und kein Körnchen fehlte darin. Der Ameisenkönig war mit seinen tausend und tausend Ameisen in der Nacht angekommen, und die dankbaren Tiere hatten den Hirsen mit großer Emsigkeit gelesen und in die Säcke gesammelt. Die Königstochter kam selbst in den Garten herab und sah mit Verwunderung, dass der Jüngling vollbracht hatte, was ihm aufgegeben war. Aber sie konnte ihr stolzes Herz noch nicht bezwingen und sprach: "Hat er auch die beiden Aufgaben gelöst, so soll er doch nicht eher mein Gemahl werden, bis er mir einen Apfel vom Baume des Lebens gebracht hat."

Der Jüngling wusste nicht, wo der Baum des Lebens stand, er machte sich auf und wollte immer zugehen, solange ihn seine Beine trugen, aber, er hatte keine Hoffnung, ihn zu finden. Als er schon durch drei Königreiche gewandert war und abends in einen Wald kam, setzte er sich unter einen Baum und wollte schlafen; da hörte er in den Ästen ein Geräusch, und ein goldener Apfel fiel in seine Hand. Zugleich flogen drei Raben zu ihm herab, setzten sich auf seine Knie und sagten: "Wir sind die drei jungen Raben, die du vom Hungertod errettet hast; als wir groß geworden waren und hörten, dass du den goldenen Apfel suchtest, so sind wir über das Meer geflogen bis ans Ende der Welt, wo der Baum des Lebens steht, und haben dir den Apfel geholt."

Voll Freude machte sich der Jüngling auf den Heimweg und brachte der schönen Königstochter den goldenen Apfel, der nun keine Ausrede mehr übrig blieb. Sie teilten den Apfel des Lebens und aßen ihn zusammen: da ward ihr Herz mit Liebe zu ihm erfüllt, und sie erreichten in ungestörtem Glück ein hohes Alter.